Preisprognosen ohne Glied

Bitcoin Preis
© Michaela Richter, Bitcoin Kurier

Ein Kommentar von Robert Steinadler.

Manchmal meint man schon viel gesehen und gehört zu haben. Dann gibt es immer wieder Momente, in denen man sprachlos ist. Sei es, weil sich die eigenen Kinder großartig entwickeln, man ein spektakuläres Naturschauspiel beobachten darf oder von dem Schicksal anderer Menschen berührt wird.

Es gibt aber auch eine zweite Form von Sprachlosigkeit. Die erlebt man immer dann, wenn erwachsene Männer fortgeschrittenen Alters Ratschläge über den Umgang mit leichtbekleideten Damen, an andere Männer ihres Alters erteilen. Was erzeugt eigentlich diese Form von Schamlosigkeit und warum schlägt sie sich in der Krypto-Szene nieder?

Fangen wir zur Klärung dieser Frage ganz von vorne an. Diesen Anfang nehmen wir leicht unterhalb der Körpermitte von John McAfee. Dieser hatte im Jahr 2017 über Twitter verlauten lassen, er werde sein bestes Stück vor den Kameras des US-Fernsehens verspeisen, sofern der Preis für einen Bitcoin nicht bis zum Ende des Jahres 2020 wenigstens 500.000 US Dollar betragen würde.

Eigentlich ein salopper und etwas anzüglicher Spruch. Nicht weiter schlimm, sollte man meinen. Erst recht, wenn er von einer so schillernden und skandalumwitterten Person kommt. Was dann aber passierte und noch heute passiert ist beispielhaft für die Probleme der modernen Medien.

McAfees Wette wird bis heute aufgegriffen, wenn es um Preisprognosen geht. Sein Penis ist – im übertragenen Sinne – in aller Munde. Der Grund dafür ist einfach, Medien brauchen Zuschauer. Und da Meldungen mit Unterhaltungswert wesentlich besser verkauft werden können, brauchen Medien jemanden wie McAfee. Er ist ihnen willkommen, jeder Skandal bedeutet Clicks, Likes, Retweets und Interaktion mit den Nutzern.

Eigentlich sollten alle Medienhäuser, deren Redaktionen darüber berichtet haben sich bei ihm bedanken. Für ihn war es vermutlich nur eine von vielen Antworten, die er im Rahmen der Nutzung seines Accounts gegeben hat. Doch für die Medien waren es global betrachtet Umsätze in Millionen Höhe. 

Dieser Effekt lässt sich auch in anderen Bereichen feststellen und ist überhaupt nicht neu. Das Interesse gute Zahlen zu erzielen ist berechtigt und das darf auch so bleiben. Die alles entscheidende Frage ist, ob es nicht Zeit wird einen anderen Weg zu beschreiten. Die Massen werden aller Voraussicht nach immer auf einen Skandal reagieren, aber was, wenn man der Sache eine andere Bühne bietet?

Sowas gehört nicht in eine Meldung zum Kursgeschehen, geschweigenden in einen ernstgemeinten Artikel über Bitcoin. Warum? Weil es irgendwann langweilig wird und dann kann es passieren, dass die Medien etwas Krasseres brauchen, um die gleichen Zahlen zu erzielen. Entweder sie haben Glück und jemand erklärt sich freiwillig bereit die Grenzen des guten Geschmacks noch weiter zu überschreiten oder sie greifen auf Personen zurück deren Image bereits sorgfältig aufgebaut wurde.

Denen kann man dann prima etwas andichten und aufgrund ihres Rufes stört es auch gar nicht weiter, wenn alles an einem Bericht frei erfunden wurde. Kurzgefasst, wir stumpfen alle immer mehr ab. Die Macher genauso wie die Leser. Eine Aussage, wie McAfee sie getroffen hat, hätte es vor gar nicht allzu langer Zeit überhaupt nicht in seriöse Medien geschafft.

Früher war nicht alles besser, aber Veränderung ist Teil des Lebens. Es kann daher nicht schaden, wenn wir alle wieder etwas mehr auf Feingefühl und Takt achten und nicht gleich klatschen, wenn jemand „Penis“ sagt. Zugegeben, auch dieser Artikel bedient sich der Popularität dieser Aussage. Doch wenn alle darüber reden, dann lässt sich das Thema nicht mehr totschweigen. Im Gegenteil, erst vor kurzem griff die Redaktion von finanzen.net die Aussage auf und wie ich aus dem Artikel erfuhr, hat der gute Mann sein Kursziel sogar auf 1 Millionen US-Dollar verdoppelt.

Ich will aber kein Spielverderber sein, sollte John McAfee sein ganz besonderes Dinner nach dem 31.12.2020 zelebrieren und das halten, was er versprach, dann gibt es an dem Abend Freibier in meiner Stammkneipe. Wer also auf eine durchzechte Nacht im Jahr 2021 spekulierten möchte, der möge eine kurze Mail an die Redaktion schicken.

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